Selamunaleyküm kalemyaprak,
ich glaube, es war Karl Jaspers, der einmal gesagt hat, dass man zu ungefähr jedem Satz von Nietzsche immer auch die gegenteilige Behauptung bei ihm finden könnte. Das macht es natürlich nicht besonders einfach zu verstehen, was Nietzsche denn eigentlich wollte.
Was wir sehr wohl wissen, ist aber, was Nietzsche
nicht wollte. Er verwirft die alte Moral - aus genau den Gründen, die du geschildert hast -, lehnt nahezu alles Bestehende ab, verurteilt die Kirche usw. usw. Mit anderen Worten: Nietzsches Übermensch ist der Mensch, der alles Bisherige hinter sich lässt. Darüber, was denn nun statt des Bisherigen kommen müsste, schweigt Nietzsche aber seltsamerweise. Er bietet uns also nichts Positives an - geschweige denn etwas Besseres. Es ist in der Tat bei Nietzsche so, dass man immer wieder (vergeblich!) darauf wartet zu erfahren, nicht nur wo
gegen er ist, sondern auch wo
für.
Was hat das Ganze jetzt mit unserem Thema zu tun? Es ist, wie du schon sagtest, richtig, dass Nietzsche Herren- und Sklavenmoral gegenüberstellt und die geltende Moral als "Sklavenaufstand" abwertet. Das heißt aber noch lange nicht, dass er die Herrenmoral befürwortet! Ganz im Gegenteil, es gibt zahlreiche Stellen bei ihm, wo er diese ebenfalls verurteilt:
"Ich sehe und ich sah ... Menschen, welche weiter nichts sind als ein großes Auge oder ein großes Maul oder ein großer Bauch oder irgend etwas Großes: umgekehrte Krüppel heiße ich solche." (Also sprach Zarathustra)
Es wäre also falsch zu behaupten, Nietzsche strebe einen brutalen Naturmenschen an, er sei ein Biologist, Naturalist oder wie auch immer man das nennen mag.
Die Frage, was denn "Gott ist tot" bedeutet, ist wiederum eine ganz andere - wie du weißt, ist Gott nicht gleich Moral! Sie hat aber unmittelbar mit dem bisher Gesagten zu tun. Aus diesem Satz zu folgern, dass Nietzsche ein Atheist gewesen sei, wäre schlicht falsch. Nietzsche will damit eigentlich nur sagen, dass die "übersinnliche Welt", so wie sie von der Kirche propagiert wurde/wird, keinerlei Einfluss mehr auf das Leben hat. Er macht natürlich auch keinen Hehl daraus, dass er das gut findet. Aber auch hier stellt er der kirchlichen (oder neutraler: der bisherigen) Moral nichts entgegen, obwohl er das als sein Ziel definiert. Wieder haben wir eine reine Negation aber nichts Positives, keine Inhalte! Er sagt also nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern lediglich, dass der Gott der Kirche tot ist und dass der Mensch jetzt mit dieser neuen Situation irgendwie umgehen muss - natürlich ohne genau zu beschreiben, wie!
Vielleicht noch eine kurze Bemerkung zum Schluss: Nietzsche lehnt die Metaphysik zwar ab, spricht aber andererseits davon, eine neue Wertewelt aufrichten zu wollen und verfällt damit selbst dem Denken der alten Metaphysik. Er verkündet zwar den Tod des bisherigen Gottes, ist aber - wenn du so willst - selbst auf der Suche nach einem neuen Gott.
@sisterE: In gewisser Weise schon...
Allah'a emanet olunuz!