Copy - paste - fertig!
Von Annette Bruhns
Immer mehr Schüler bedienen sich bei Referaten oder Hausaufgaben aus dem Internet, ohne die Quelle anzugeben. Viele Lehrer hinken hinterher.
Wie ein Vertreter der Laptop-Generation sieht Rainer Moddemann, 51, nicht gerade aus. Der Meerbuscher Gesamtschullehrer trägt seine Locken lang, dazu Vollbart und John-Lennon-Brille. Umso verdutzter war neulich einer seiner Zehntklässler, der im Englischunterricht über Jim Morrison referierte, als Moddemann zu ihm sagte: "Guter Vortrag. Welche Website war's denn?"
Noch größere Augen machte der beim Abschreiben aus dem Internet ertappte Schüler, als sein Lehrer verriet, weshalb er ihm so schnell auf die Schliche gekommen war: Moddemann hatte seine eigenen Worte wiedererkannt, Absätze aus Artikeln über den Sänger der Doors. Die Texte des Rockfans kursieren unter diversen Adressen und Autorenzeilen im Netz.
Schummeln und Spicken sind so alt wie die Institution Schule. Aber noch nie war der Raub geistigen Eigentums so leicht wie im www-Zeitalter. Weil das Kopieren per Mausklick ganz einfach ist, werden am Ende sogar Plagiate plagiiert. "Die Jugendlichen haben null Unrechtsbewusstsein, wenn sie einen Text aus dem Netz ziehen und ohne Quellenangabe als eigenen ausgeben", weiß Moddemann. "Schließlich klaut im Internet fast jeder von jedem. Auch Lehrer selbst benutzen fremde Tests und Texte."
Mindestens ein Fünftel aller Schülerreferate und Hausarbeiten an seiner Schule, schätzt der Englischlehrer, werde aus Versatzstücken am Computer generiert - "Tendenz steigend".
Auch bei
studentischen Arbeiten gilt "ein Drittel ist Schmu" als Faustregel, so die Berliner Medieninformatikerin
Debora Weber-Wulff, Autorin des Anti-Plagiat-Programms
"Fremde Federn Finden". Dass die Schummler sich mit "copy and paste" - kopieren und einfügen - zuvor schon durch die Schule getrickst haben, so die Expertin, "liegt auf der Hand".
Schon Mittelstufenschüler nutzen Daten-Suchmaschinen, wie Hauptschülerinnen aus dem baden-württembergischen Villingen bestätigen. "Ich guck seit der Fünften bei jedem Thema als Erstes in Google nach", sagt Joceline, 13. "Abschreiben würde ich aber nicht", meint Freundin Gina, "wenn ich dabei ein lateinisches Fremdwort kopiere, merkt der Lehrer das doch."
Tatsächlich ist es verhältnismäßig einfach, Internet-Spickern auf die Spur zu kommen - etwa, indem man drei Begriffe aus einer verdächtigen Arbeit in eine Suchmaschine eingibt und die Web-Treffer mit dem Schülertext vergleicht. Aber für viele Lehrer ist das World Wide Web noch immer Terra incognita. "Wie soll ich da was finden? Das Internet ist so groß", ist ein Stoßseufzer, den Weber-Wulff bei Lehrerfortbildungen oft hört.
Cornelius, 15, vom Berliner Heinrich-Schliemann-Gymnasium, meint mitleidig, seine Lehrer hätten schlicht "keine Zeit" für solche Detektivarbeit. Wenn ein Mitschüler ein etwa bei
www.hausarbeiten.de heruntergeladenes Referat abgebe, dann passiere "gar nichts". Hauptstadt-Abiturient Matthias Mehldau, 19, hatte da pfiffigere Lehrer. "In zwei Klassen wurden Schüler überführt und bekamen die Note Sechs", erzählt Mehldau - "alle Achtung."
Er selbst hat gute Erfahrungen mit dem Schummeln gemacht: "Ich hab das 'Nibelungenlied' nie gelesen und dennoch die zweitbeste Klausur geschrieben." Eine seiner Quellen: Wikipedia, ein Internet-Lexikon, das von den Usern selbst verfasst wird. Dass man sich auf die Richtigkeit der Beiträge nicht verlassen kann, ist Mehldau als Mitglied des Chaos Computer Clubs bewusst.
Amüsiert beobachten junge Lehrer wie Ralf Schneider, 36, Konrektor der Golden-Bühl-Schule in Villingen, dass noch die faulsten Schüler "mit Feuereifer dabei" sind, wenn es "um den schnellsten Weg zum Referat" gehe. Schneider zuckt mit den Schultern: "Wenn sie verstehen, was sie kopiert haben, ist das okay." Sein Tipp: "Nachfragen genügt meistens."
Nicht selten werden die kleinen Fälscher von ihren Eltern unterstützt. Im Landkreis Landshut klagte eine Elftklässlerin mit Unterstützung ihres Vaters bis in die zweite Instanz gegen eine Sechs, die sie sich für eine teilweise vom Internet abgeschriebene Hausarbeit gefangen hatte. Ohne Erfolg: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof sah den "Unterschleif" (Amtsdeutsch für Spicken) schon dadurch als gegeben an, dass die eher schwache Schülerin "ihr sprachlich-stilistisches Leistungsvermögen" unmöglich auf das Niveau der abgegebenen Hausarbeit habe steigern können.
Das mit dem Prozess behelligte Gymnasium "Maximilian von Montgelas", dessen Leiter Josef Kraus auch
Präsident des Deutschen Lehrerverbands ist, hat hinzugelernt. Den Pädagogen steht dort die Software "Plagiarism-Finder" zur Verfügung; Schüler sollen Facharbeiten - wie in Großbritannien an manchen Schulen Usus - auf Diskette einreichen, so dass die Lehrer sie mühelos auf Plagiate hin scannen können.
"Natürlich hecheln wir den Schülern immer hinterher", gibt Lehrervertreter Kraus, 56, freimütig zu. Mit einer Sechs bestraft werde inzwischen auch das Mitführen von Handys zu
Prüfungen: "Das gilt immer als Täuschungsversuch." Sonst könnten Schüler auf der Toilette Informanten anrufen "oder sogar in ein im langen Haar verstecktes Mikrofon Testaufgaben flüstern" - wie anderswo schon passiert.
Englischlehrer Moddemann trickst die Schüler jetzt schon im Vorfeld aus. So ließ er eine zehnte Klasse daheim ein Lesetagebuch zu Peter Bullets "The Sunnies" anfertigen. Schon am nächsten Tag maulten die Schüler: "Da gibt's ja gar nichts im Internet zu."
Neunzig Prozent der Schüler bewiesen Moddemann dann, dass sie "tatsächlich noch lesen können". Nur bei einer seiner schwächsten Schülerinnen schwante dem gewieften Pädagogen Böses - die Arbeit war zu gut.
Doch erst nach ihrer erfolgreichen Versetzung in die nächste Klasse gestand ihm die Mutter kleinlaut, sie habe dem Nachhilfelehrer 50 Euro für die Arbeit gezahlt. "Gegen Ghostwriter ist die beste Plagiate-Software machtlos", so Moddemann.
Habe ich nie gemacht, hatte in meiner schulzeit keinen Internet, aber im studium habe ich zugeschlagen
scherz, in meinem studiumfach konnte ich nichts kopieren. Es gab nix zu kopieren