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Alt 03.12.2004, 16:45

 
Üyelik tarihi: 23.06.2004
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Muslime müssen politische Systeme und Mechanismen dieser Zeit neu interpretieren

Dies ist die (zugegeben, etwas schlecht übersetzte) Zusammenfassung eines Interviews mit Prof. Dr. Ahmet Davutoglu aus der Zeitung Al-Ahram. Ich habe sie auf der Seite www.igmg.de entdeckt, wo es auch eine türkische Version gibt.

Das Original-Interview findet ihr auf folgender Seite:
http://weekly.ahram.org.eg/2004/716/focus.htm


Muslime müssen politische Systeme und Mechanismen dieser Zeit neu interpretieren

Der Islam nimmt sowohl auf globaler als auch auf nationaler Ebene einen immer größer werdende Bedeutung ein. Täglich werden wir mit Bewertungen von Politikern und Wissenschaftlern über den Islam konfrontiert. In Zeiten wie diesen, in denen das gesprochene Wort immer mehr verschwimmt, tritt die Bedeutung von ausgeglichen denkenden Menschen immer mehr hervor.
Prof. Dr. Ahmet Davutoglu ist sicherlich einer dieser Menschen, der sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft angesehen ist. Wir geben hier eine Zusammenfassung eines Interview Prof. Davutoglus aus der ägyptischen Zeitung Al-Ahram mit Omayma Abdel-Latifs wieder.

Der 1959 in Taschkent geborene Davutoglu schloss seine Promotion an der Bogazici Universität in Istanbul in den Bereichen Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen ab. Seit 1999 ist Davutoglu Professor für Internationale Beziehungen an der Beykent Universität. Derzeit ist Prof. Davutoglu auch als Berater des türkischen Ministerpräsidenten in außenpolitischen Angelegenheiten tätig. Er ist einer der gestaltenden Kräfte hinter dem neuen Denken der AKP. Darüber hinaus vertritt er auch eine neue Generation muslimischer Gelehrter, die davon überzeugt sind, dass der Islam eine moderne Art des Regierens anbieten kann.

Al-Ahram: Denken Sie, dass muslimische Intellektuelle eine Theorie der islamischen Demokratie entwickeln können, die auf dem Islam und den demokratischen Prinzipien der westlichen Demokratie fußt?

Davutoglu: Ich denke, es ist wichtig, dass der Islam eine Harmonie zwischen Werten und Systemen voraussetzt. Aus der Perspektive der islamischen Lehre und Traditionen ist es sehr wichtig, dass Werte und Systeme beständig sind. In der islamischen Lehre kann man Systeme frei entwickeln. Vorrausetzung dafür ist nur, dass solch ein System die Kernwerte des Islams fördert.

Diese Werte sind die Prinzipien des Makasid, nämlich der Schutz des Lebens, des Denkens, der Nachkommenschaft, der Religion, des Eigentums und selbstverständlich die Realisierung von Gerechtigkeit. Deshalb ist ein System so lang legitim, solange es diese Werte schützt.

Unsere Aufgabe als muslimische Politiker und Intellektuelle ist es, die politischen Systeme und Mechanismen dieser Zeit neu zu interpretieren und eine neue Harmonie zwischen den Werten der Gesellschaft und den Mechanismen in den bestehenden Strukturen zu schaffen.

Wenn wir von dieser Perspektive aus die Demokratie als ein System betrachten, so hat sie vier grundlegende Prinzipien: 1) Die vernunftmäßige Legitimation der politischen Kraft, 2) die politische Teilnahme als ein Weg, politische Macht zu entfalten, 3) die politische und rechtliche Verantwortung der politischen Führung, und 4) die Möglichkeit politische Machtverhältnisse durch Wahlen zu ändern.

Diese demokratischen Prinzipien sind im Wesentlichen nicht in irgendeinem Widerspruch mit den Werten der islamischen Lehre. In der islamischen Tradition gibt es eine klare Basis - eine erkenntnistheoretische Basis - die die vernunftmäßige Legitimation der Politik unterstützt. Die historische Praxis von Muslimen zeigt hier ein einmaliges Beispiel in dem die erkenntnistheoretische Autorität vom Propheten auf die vernunftmäßige Autorität seiner Nachfolger übertragen wird. Nur in der islamischen Tradition gibt es den Fall, dass die Nachfolge des Propheten von der Gemeinschaft entschieden worden ist und nicht durch eine metaphysische Übertragung der Macht. Es gibt kein Beispiel wie dieses in anderen religiösen Traditionen. Dies ist der Unterschied zwischen dem Islam und dem Christentum.

Vergleicht man die Stellung von Paulus und von Abu Bakr (ra), so sieht man den Unterschied noch deutlicher. Paulus hatte keine historische oder vernünftige Beziehung zu Jesus. Seine Autorität, als der zweite Gründer vom Christentum, hatte daher nur eine meta-historische Dimension. Jene meta-historische Dimension zur Legitimation religiöser und sozio-politischer Autorität wurde auf die metaphysische Persönlichkeit der Kirche und zur Meta-Menschpersönlichkeit des Papstes übertragen.

In Gegensatz zu Paulus hatte Abu Bakr eine historische, direkte und gut dokumentierte Beziehung zum Propheten Mohammed (saw) gehabt. Die Reaktion von Abu Bakr auf den Tod des Propheten markierte den Anfangspunkt für seine rational legitimierte Autorität in sozialen Angelegenheiten. Es markierte das Ende der einmaligen erkenntnistheoretischen Autorität des Propheten über den Wahy (die Offenbarung) und den Anfang der menschlichen Autorität Abu Bakrs. Die Autorität Abu Bakrs etablierte und legitimierte sich über rationale Argumente. Politische Teilnahme und politische/rechtliche Verantwortung waren damit von Anfang an Teil der muslimischen Geschichte.

Einige würden aber behaupten, dass ein Teil der islamischen Autorität auf einer göttlichen Ordnung, dem Heiligen Koran beruht. Wie würden Sie darauf antworten?

Der Koran enthält keine genaue Vorgabe zu politischen Systemen, an denen Muslime festhalten müssen. Das heilige Buch teilt uns die Werte mit, an die sich ein politisches System orientieren muss, wie z.B. Gerechtigkeit, Würde, Gleichheit und Freiheit, aber es legt den Menschen keinen besonderen politischen Systeme auf, weil politische Systeme Themen sind, die sich mit der Zeit ändern. Al-Mawardi, der im 11. Jahrhundert lebte, sagt in seinem Al-Ahkam Al-Sultaniya, was eines der Hauptquellen für das islamische politische Denken seit damals ist, dass das politische System der Monarchie, auf das er in seinem Werk hinweißt, von der römischen, byzantinischen und persischen Tradition übernommen wurde.

Es gibt aber noch andere politische Systeme, die von den Muslimen als ihre originären Regierungsarten angesehen wurden. Die gesetzliche und politische Verantwortung der Herrscher sei immer ein Teil muslimischer Tradition gewesen. Omar Ibn Al- Khattabs Praxis ist ein gutes Beispiel dafür.

Was wir als muslimische Denker tun müssen ist, genau die politischen Systeme zu identifizieren, die am besten die universellen Werte des Islams verwirklichen können.

Aber einige im Westen weißen darauf hin, dass der Islam nicht kompatibel zu allen Systemen ist und einige Muslime sehen die Demokratie als einen Import aus dem Westen an…

Es ist falsch den Islam und die Demokratie, oder irgendein anderes politisches System, als zwei Alternativen darzustellen und dann zu fragen, ob diese miteinander kompatibel sind. Diese sind keine sich gegenüberstehenden Kategorien.

Was sind ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten einer regierenden islamischen Partei?

Lassen Sie mich zuerst klarstellen, dass das Konzept einer „islamischen Partei“ falsch ist, denn jede politische Partei ist ihrer Natur nach eine trennende statt einer einigenden Kraft. Der Islam hingegen ist ein einigender Faktor, ein gemeinsames Element. Aus diesem Grund sollte das Konzept einer „islamischen Partei“ sehr vorsichtig angegangen werden.

Aber wir können von den verschieden Wegen verschiedener politischer Parteien berichten, oder ihrem Verhältnis zur Religion im generellen. Im selben Sinne, kann dieses Argument sogar auf die US-Politik ausgeweitet werden: der US-Präsident George W. Bush stellte in seiner Wahlkampagne viel mehr religiöse Bezüge her als Senator Kerry es tat.

Wir dürfen den Islam nicht auf eine politische Gruppe oder Partei reduzieren, denn dann enden wir bei politischen Parteien, die die Repräsentation des Islams monopolisieren. Die AK-Partei-Führung bauen nicht auf dem Konzept der „islamischen Partei“ auf, sondern versuchen sich als ein Teil der türkischen politischen Tradition darzustellen.

Wie erklären Sie dann die Tatsache, dass eine Partei mit einer islamischen Orientierung wie die AK-Partei innerhalb der türkischen politischen Tradition an die Macht kommen konnte?

Das demokratische Verfahren in der Türkei geht zurück bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, als erstmals Kommunalwahlen abgehalten wurden. Die Praxis von allgemeinen Wahlen im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie kam im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf.

Damals verliefen die Hauptspannungslinien und die Dialektik türkischer Politik auf ihrem Höhepunkt gewesen, vertreten von einer bürokratischen Elite im Zentrum, die versuchte, die Gesellschaft zu modernisieren und der Peripherie in ländlichen Gegenden, die aus konservativen und traditionalistischen Gruppen bestand.

Als in den 1950er Jahren die Mehrparteien-Demokratie begann, nahmen diese Spannungen ab. Die Masse begann damals, die politische Mitte zu durchdringen, und folglich wurde ein Verfahren zur politischen Umgestaltung angestoßen. Betrachtet man die politischen Kräfte der letzten 50 Jahren, Regierungen wie jene von Adnan Menderes in den 50er Jahren, Demirel in den 60ern, Turgut Özal in den 80er Jahren, oder jetzt von Tayyib Erdogan, dann kann man bei der Führung und beim Großteil der Gesellschaft eine Hinwendung zu einer traditionelleren Form sehen, die sich auf den Islam bezieht.

Die Hauptherausforderung für ist jetzt die Begegnung zwischen Tradition und Modernismus, ein gesunder und herausfordernder Prozess. Unsere große Verantwortung ist es, den Hauptmechanismus dieses Prozesses zu verstehen, damit wir eine natürliche Umgestaltung der Gesellschaft sichern können. Die Verantwortung der AKP liegt darin, ein Gleichgewicht zwischen den Tendenzen zu schaffen.

George Bush wurde mit einer konservativen Kampagne wiedergewählt. Wie nimmt man dies in der muslimischen Welt auf?

Es gab im Westen einen Prozess, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Deklaration von dem Ende der Religionen begann – die bekannte Parole „das Sterben Gottes“. Dann wurden wir Ende der 90er Zeugen vom „Ende der Ideologien“ und dem „Ende der Geschichte“.

Aber dieser Dreier aus Religion, Ideologie und Geschichten hat nicht geendet und wird auch nicht enden. Zum Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte die Erwartung, dass die Bedeutung der Religion in der Gesellschaft zurückgehen wird und der Modernismus vorherrschen wird. Aber das letzte Viertel des 20.Jahrhunderts wurde gerade Zeuge vom Gegenteil.

Leider wurde dieses Phänomen nicht ausreichend analysiert. Im meinem Buch „Civilisation Transformation and the Muslime World“ habe ich 1994 versucht diese Transformation zu analysieren. Eines meiner Hauptargumente war, dass es eine globale Rückkehr der Religion in allen Zivilisationszentren gab, nicht nur in der muslimischen Welt, und dass dieses Wiedererwachen weitergehen wird, als eine natürliche Antwort auf den dogmatischen Modernismus der in den 50er Jahren vorherrschte. Wenn sie die Veränderungen in den Gesellschaften in den 80ern und 90ern ansehen, dann sehen sie ein Wiedererwachen des Christentums nicht nur in den USA.

In Indien erwachte der Hinduismus wieder auf und eine Hindu-Partei stellte die Regierung, ein Erwachen des Konfuzianismus in China und ähnlich auch ein erwachen des muslimischen Erbes in muslimischen Gesellschaften. Es war ein globales Phänomen, unabhängig von bestimmten Umständen.

Es überrascht deswegen nicht, dass in der US-Gesellschaft bestimmte Prozesse Religion und Moral in das Zentrum des politischen Lebens gebracht haben. Es ist eine auf die Enttraditionalisierung der Gesellschaft während den Phasen der Aufklärung und der Modernisierung. Deswegen ist es ironisch, dass Kategorien wie „liberaler Islam“ und „radikaler Islam“ nur noch für die islamische Welt angewandt werden. Bein anderen Gesellschaften – Christen, Hindus, Juden – wird nicht vom „radikalen Christentum“ und einem „liberalem Christentum“ gesprochen. Stattdessen werden solche Begriffe für die Kategorie „moralische Werte“ verwendet, die dann konservativ oder radikal sein können.

Im Zusammenhang mit den US-Wahlen kann ich sagen, wenn die bisherigen Herangehensweise und Politik weitergeführt wird, besteht ein Risiko, dass die Stimmung in der Region eskaliert. In den letzten 15 Jahren hat die muslimische Welt sein Vertrauen in die Objektivität des internationalen Systems verloren. Sie haben gesehen, was in Bosnien, Palästina, Berg-Karabach, usw. geschehen ist. Als 250.000 Muslime in Bosnien ermordet wurden, hat die internationale Gemeinschaft 3 Jahre lang nur zugeschaut. Während die muslimische Gemeinschaft in Zypern den UN Plan angenommen hat, haben ihn die griechischen Zyprioten abgelehnt. Trotz ihrer Ablehnung der Pläne für eine Wiedervereinigung von Zypern ist die griechische Seite der Insel trotzdem ein Mitglied der EU geworden, während die türkische Seite weiterhin politisch, wirtschaftlich und kulturell isoliert ist.

Die Muslime fühlen sich heute vom internationalen System geopolitisch ausgeschlossen. Jetzt ist die amerikanische Politik aber an einem Wendepunkt angelangt. Hoffentlich werden die USA die Lage neu bewerten und somit eine neue Haltung entwickeln.

Was denken Sie über Reformen und Erneuerungen in der muslimischen Welt?

Wir als muslimische Gelehrte müssen uns, um die Probleme besser verstehen zu können, ernsthaft selbst einige Fragen stellen, unabhängig von den Vorurteilen, die die internationale Agenda antreiben. Die muslimische Welt steht heute drei Hauptherausforderungen gegenüber :

1- Die muslimische Welt liegt in einer geographischen Zone, die die Wiege ein jeder Hochkultur gewesen ist, die in der Vergangenheit entstanden ist. Doch nun muss ich mir als muslimischer Gelehrter die Frage stellen, was meinen Beitrag für die globale Kultur darstellt. Kein sehr beeindruckender, würde ich sagen. Doch wir können immer noch eine Alternative für die globale Kultur entwickeln und können einen Beitrag zu dieser leisten, denn wir haben eine reiche kulturelle Tradition.

2- Die muslimische Welt befindet sich in einer geo-ökonomisch wichtigen und reichen Region. Sie versorgt die Weltwirtschaft mit seinen Naturschätzen. Aber trotzdem, gibt es kein einziges muslimisches Land unter den 15 größten Wirtschaften in der Welt. Warum? Warum können eineinhalb Millionen Muslime nicht ein größeres Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften als ein mittlerer europäischer Staat?

3- Die muslimische Welt hat die reichste politische Tradition der Welt, in Ländern wie zum Beispiel Ägypten, Anatolien, Iran, Mesopotamien, usw. Und trotzdem sei es sehr schwer, stabile politische Mechanismen einzurichten. Warum?

Wenn Muslime über Reformen und Erneuerungen debattieren, müssen sie sich genau diese Fragen stellen, und niemand anderes kann uns bei der Beantwortung dieser helfen.

Was wir brauchen ist ein umfassendes Wiedererwachen, im Sinne einer Wiederbelebung unserer Mentalität, Strukturen und Institutionen, zusammen mit einer psychologischen Haltung die auf Selbstbewusstsein, Würde und Zusammenarbeit fußt, damit wir diesen Herausforderungen entgegentreten können.

Denken Sie, dass der Westen das aufkommen einer Partei mit einer islamischen Orientierung deswegen akzeptiert haben, weil es ein laizistisches Establishment in der Türkei gibt?

Ich denke nicht, denn es gibt eine über 50jährige Demokratie-Tradition in der Türkei. Wir sind keine neu entstehende Demokratie. Diese Toleranz beruht nicht auf dem Laizismus der Türkei, sondern darauf, dass unser Regierungssein ein natürliches Resultat eines Entwicklungsprozesses ist, der schon lange vorher begonnen hatte.

Ich stimme jedoch dem zu, dass der Demokratisierungsprozess in der arabischen Welt versperrt ist. Wenn wir uns die früheren Ost-Block-Staaten ansehen, sehen wir, dass ihre derzeitigen Anführer ehemalige Kommunisten sind, die in der Lage waren, ihre Länder in Demokratien umzuwandeln und so auch Akzeptanz im Westen gefunden haben. Während derselben Zeit in den 90ern hat der Westen jedoch versucht, den Nahen Osten in einer recht skeptischen Art und Weise zu demokratisieren. Sie opferten die Demokratie zugunsten der Stabilität.

Nun wollen dieselben westlichen Kreise die Stabilität zugunsten der Demokratie opfern, was zu noch mehr Chaos in der Region führen wird. Die große Herausforderung besteht darin, wie wir unsere politischen Systeme demokratisieren während wir gleichzeitig unsere Stabilität erhalten. Wir können dabei nur auf unsere eigenen Gesellschaften zählen.

Einige US-Kommentatoren und –Analysten versuchen der arabischen Welt die Türkei als Modell zu präsentieren. Welche Lehren kann die arabische Welt aus den Erfahrungen der Türkei ziehen?

Lassen Sie mich sagen, dass weder die Türkei als Land, noch die AK-Partei als eine politische Partei für irgendjemanden ein Modell darstellen will.

Das was wir machen, machen wir für unser eigenes Volk, und nicht um ein Modell zu entwerfen. Wir können unser Modell niemandem auferlegen, denn jedes Land hat seine eigenen Erfahrungen.

Wir wollen die türkische Praxis nicht als ein Modell propagieren. Wenn aber andere einige Lehren aus unseren Erfahrungen ziehen wollen, so ist dies nur normal.

Was die Beziehungen zu Europa angeht, inwieweit denken Sie, steht die religiöse Identität der Türkei einer Mitgliedschaft in der EU entgegen?

Die Integration der Türkei wird kein einfacher bilateraler Prozess sein. Sie stellt eher eine umfassende Herausforderung dar, sowohl in multi-kultureller als auch in multi-religiöser Hinsicht.

Die internen Mechanismen der EU werden diese multi-kulturelle Entwicklung beschleunigen. Der Islam ist bereits die zweitgrößte Religionsgruppe in Europa. Die sechs Millionen Muslime machen ungefähr 3 Prozent der Bevölkerung in Europa aus. Die Integration der Türkei wird daher auch eine Prüfung für die EU sein.

Das Ergebnis dieser Prüfung wird sehr wichtig sein, denn historische Erfahrungen zeigen, dass es zwei Bedingungen dafür gibt, damit sich Europa aus einer kontinentalen Macht zu einer globalen Macht entwickelt: Multikulturalismus, und die strategische Verbindung mit Asien. Rom und das Reich Alexanders sind zwei eindrucksvolle Beispiele für diese These. Beide waren politisch einheitliche Einheiten bis sie Asien im generellen und Anatolien im speziellen erreichten.

Großbritannien und Frankreich sind moderne Beispiele dafür. Deren Kolonialsystem fiel in sich zusammen, als sich ihre Unfähigkeit, ihre kolonialen Struktur in eine multi-kulturelle umzuwandeln, zeigte.

Die Türkei scheint der Schlüssel zu diesen beiden Bedingungen und für die Umwandlung der EU in einen „global player“ zu sein.

Die Entscheidung in Dezember über den türkischem Beitritt, wird nicht nur eine Entscheidung über die Zukunft der Türkei sein, sondern auch über die zukünftige Richtung Europas. Das Ergebnis wird deutlich zeigen, ob die EU die Herausforderungen für eine globale Rolle annehmen will oder nicht.
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