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| Deutschland 2010 aus: Die Welt, 17.06.2003
Deutsche Kinder beneiden uns Türken
Aus Einwanderern werden in Zukunft Auswanderer. Deutschland 2010
von Zafer Senocak
Ich heiße Hakan. Ich habe zwei Pässe. Einen deutschen und einen türkischen. 1999, als ich geboren wurde, gab es ein neues Gesetz, das in Deutschland geborenen Kindern wie mir erlaubte, einen deutschen Ausweis zu bekommen. Heute, 2010, werde ich elf Jahre alt, doch wenn ich 18 bin, muss ich einen der Pässe abgeben. Ich finde das albern, aber so steht es im Gesetz. Ich denke viel darüber nach, welchen Pass ich behalten soll. Wohl den türkischen, denn der Türkei geht es wirtschaftlich viel besser als Deutschland.
Nachdem klar geworden ist, dass die Türkei nicht Mitglied in der EU sein wird, scheinen türkische Pässe viele Leute zu stören. Es darf nicht zu viele davon geben. Die Türkei hatte nämlich auch zwei Pässe. Einen europäischen und einen asiatischen. Sie hat sich nach dem Golfkrieg 2003 für den asiatischen Pass entschieden, sagt mein Vater. Seitdem ist es wirtschaftlich für die Türkei bergauf gegangen. Für Deutschland bergab. Nun achtet die Türkei darauf, dass nicht zu viele einen türkischen Pass haben, weil sonst alle in die Türkei wollen.
Neulich mussten wir in der Schule einen Fragebogen ausfüllen. Dieser Fragebogen wurde nur an Schüler und Schülerinnen verteilt, die nicht von Deutschen abstammen. Auf die Frage, wo ich Deutsch gelernt habe, gab ich die Antwort: Auf der Straße und am Bildschirm. In unserer Schule lernt man nämlich nichts. Meine Eltern sind auch Deutsche geworden, dem Pass nach. Deshalb können sie nicht in die Türkei zurück, obwohl sie gern möchten.
Die meisten türkischen Kinder in der Schule wollen mit Deutschen nichts zu tun haben. Die deutschen Kinder beneiden uns richtig, wenn wir aus dem Urlaub in der Türkei wiederkommen und von Städten erzählen, in denen alle Läden voll sind und alle Leute Arbeit haben. Unser Mathelehrer sagt, dass Deutschland in der Forschung abgehängt wurde, von Indien und China, von Asien überhaupt. Er sagt das vor allem, wenn wir wieder faul waren und es Fünfer und Sechser geregnet hat.
Ich weiß nicht, wie es in der Forschung aussieht, aber auf dem Fußballfeld ist es zappenduster für Deutschland. In diesem Fall bin ich heilfroh, nicht nur Deutscher, sondern auch Türke zu sein. Noch besser wäre es natürlich, nur Türke zu sein. Denn die Türken spielen einfach den besseren Fußball, mehr Risikofreude, mehr Einsatz, mehr Kreativität. Die deutschen Mannschaften gehen schon schlapp auf den Platz, seit die Gewerkschaft der Profifußballer durchgesetzt hat, dass kein Spieler länger als 30 Minuten hintereinander spielen muss und auch bei Spielern über 50 Jahren noch absoluter Kündigungsschutz besteht.
Mein Vater sagt immer: ´Europa ist pleite.´ Eigentlich meint er sich selbst. Denn keines seiner Geschäfte hat bisher überlebt. Auch nicht das letzte, das er mit einem Russen zusammen eröffnet hat. Sie hatten einen Laden, konnten sich aber nicht einigen, was sie verkaufen wollten. Die Bankleute waren davon nicht begeistert und schicken seitdem finster dreinblickende Leute zu uns nach Hause.
Wenn ich bessere Noten bringe, haben mir meine Eltern versprochen, werden wir in diesem Jahr im Sommer in Urlaub fahren. Leider nicht in die Türkei, das können wir uns nicht leisten. Am liebsten würde ich natürlich nach Amerika. Aber meine Eltern fliegen nicht gerne. Außerdem ist es sehr teuer dort, weil unser Geld nicht viel wert ist. Früher soll deutsches Geld viel wert gewesen sein. Die Eltern meines amerikanischen E-Mail-Freundes können sich sogar ein Auto leisten. ´Früher konnte man noch ein Auto kaufen´, sagt mein Vater, ´aber seit das Benzin mehr als fünf Euro pro Liter kostet, ist man froh, sich eine Busfahrkarte leisten zu können.´ Die Busse sind aber alt und gehen immer wieder kaputt. Außerdem streiken die Fahrer oft in Deutschland. Sie wehren sich gegen die Einführung moderner Busse, weil die angeblich ohne Fahrer verkehren sollen. In China soll das erfolgreich ausprobiert worden sein. Aber die Chinesen stellen ihre Entdeckungen immer erst dann vor, wenn sie sie verkaufen können. Finde ich sehr vernünftig.
Meine Eltern haben immer noch viele Bekannte und Verwandte in der Türkei. Die verstehen nicht, wie man in Deutschland leben kann. Es gibt keine Arbeit, stattdessen lauter Streiks, und die Zukunft sieht düster aus. Wozu aber braucht man Arbeit, frage ich mich? Wenn man nicht arbeitet, wird man in Deutschland doch vom Staat bezahlt. Das finde ich sehr praktisch. Aber der Staat ist jetzt wohl so pleite wie mein Vater. In den Zeitungen heißt es seit ein paar Wochen, der Staat könnte seinen Bürgern kein Geld mehr geben. Komische Vorstellung.
Auf dem Fragebogen in der Schule wurden wir auch nach unserem Berufswunsch gefragt. Ich habe ´Auswanderer´ eingetragen. Was ich mal werden will, weiß ich noch nicht. Ich bin mir aber sicher, dass ich von hier weggehen werde. Ich möchte irgendwohin, wo die Menschen fleißig sind und diszipliniert, wo sie sich noch angenehme Dinge leisten können und gerne arbeiten. Wo sie ganz anders sind als hier in Deutschland.
Der in Ankara geborene Schriftsteller und Publizist Zafer Senocak lebt seit 1970 in Deutschland.
Meine persönliche Meinung:
Mein Berufschwunsch ist auch ´Auswanderer´. In Deutschland will ich nicht mein Leben lang bleiben, nicht mal Deutsche halten es hier aus.
__________________ Hiddetinden korkmuyorum ey Allahım, şefkatin titretiyor dizlerimi... |