Integration ist, wenn Deutschland gewinnt!?
Ein Kommentar von Oguz Ücüncü
Nein, nein, dass da erst keine Zweifel aufkommen, natürlich haben auch wir uns schon längst von der allgemeinen Begeisterung für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft anstecken lassen. Wir leiden gemeinsam und freuen uns über jedes Tor und jeden Sieg. Aber am meisten freuen wir uns auf die Reportagen und Pressekonferenzen mit den Helden der jeweiligen Partien. Gespannt lauschen wir den Worten von Odonkor, Neuville und Podolski und freuen uns, dass man sich trotz offensichtlicher Sprachmängel einen Platz in den Herzen der Menschen in Deutschland erspielen kann.
War das fehlerfreie und wenn möglich „akzentfreie“ Erlernen der deutschen Sprache noch vor einem Monat das Patentrezept für eine erfolgreiche Integration, scheint doch während des Fußball-Turniers bei den politisch Verantwortlichen unseres Landes ein Paradigmenwechsel stattgefunden zu haben. Offensichtliche Defizite werden bei den hier beispielhaft aufgeführten „jungen“ deutschen Staatsbürgern gerne in Kauf genommen, da sie mit ihrer Spielfreude und Einsatzbereitschaft zum Erfolg der Nationalmannschaft beitragen. Es ist dieser Erfolg, der das Augenmerk der Öffentlichkeit plötzlich auf das große Potential von Menschen mit Migrationshintergrund fokussiert. Wohl gemerkt, noch vor wenigen Wochen haben uns Politiker landauf, landab glauben gemacht, dass die Integration gescheitert ist. Danach stellten junge Migranten keine Bereicherung für unsere Gesellschaft, sondern ganz im Gegenteil, ein schier unlösbares Problem dar. Die aus diesem Verständnis resultierenden gesellschaftspolitischen Diskussionen kann man wohl mit einem Wort zusammenfassen: Unverantwortlich!!!
Man kann nur hoffen, dass diese veränderte Wahrnehmung sich nicht nur auf die WM beschränkt und somit einen integrationspolitischen Neubeginn in Deutschland markiert. Denn was für den Fußball gilt, gilt im gleichen Maße für alle anderen Bereiche unseres Lebens. Für die Bewältigung unserer demographischen Herausforderungen sind die Nachkommen der Migranten unerlässlich. Es kann doch nicht angehen, dass man offen über die Anwerbung von ausländischen Fachkräften aus Indien nachdenkt, aber das millionenfache Potenzial von bereits hier lebenden Menschen ungenutzt lässt. Zweifellos gibt es Probleme, die die Erschließung dieses Potenzials momentan noch erschweren. Dazu zählen natürlich auch die Sprach- und Bildungsdefizite dieser Menschen. Diese Defizite stellen aber eben keine unüberwindlichen Hindernisse dar, wie uns manche Politiker glauben machen wollen, sondern können mit Reformen und zusätzlichen Investitionen in unser Bildungswesen, ausgeglichen werden.
Wenn man darüber hinaus die hier in dritter und vierter Generation lebenden Jugendlichen spüren lässt, dass man das in ihnen steckende Potenzial sieht und zu würdigen weiß, werden sich die allenthalben herbeigesehnten Integrationserfolge noch schneller einstellen. Die deutliche Ablehnung und auch Ausgrenzung, die „ausländische“ Jugendliche in allen Lebensbereichen derzeit erleben, befördert Rückzugs- und Resignationstendenzen und läuft allen Integrationsbemühungen zuwider.
Im Lichte dieser Überlegungen bleibt Folgendes anzumerken, um denn auch wieder mit der Fußball- WM zu schließen: Es ist es kein Zufall, dass Jürgen Klinsmann keine Spieler mit türkischem Hintergrund in sein Kader berufen konnte. Denn obwohl sie zu den besten Spielern der Bundesliga gehören, haben sich die Sahins, Bastürks und Altintops dieses Landes entschieden, nur für die türkische Nationalmannschaft aufzulaufen. Warum wohl?
der hat es auf dem punkt gebracht, bravo 