| kücük sehitlere selam olsun
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| Besuch Bei Murat Kurnaz BESUCH BEI MURAT KURNAZ Mit wachen Augen in die Freiheit</B>
Fast fünf Jahre war Murat Kurnaz im US-Gefangenenlager Guantanamo eingesperrt. Vor drei Wochen kam er frei, jetzt hat ihn der Europaabgeordnete Cem Özdemir zu Hause in Bremen besucht - und berichtet von der Begegnung mit einem Deutsch-Türken, der keineswegs wie ein Fanatiker erscheint.
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Bremen - Wenn man einem Menschen begegnet, der fünf Jahre seines Lebens unter skandalösen und unwürdigen Verhältnissen in einem Gefangenenlager verbringen musste - wie fasst man seine Gefühle und Ahnungen auf das Erlebte da in Worte? Ein Mensch, der nun 24 Jahre alt ist. Der in einem Zeitraum von fast fünf Jahren (in dem ich geheiratet habe, Vater geworden bin und ins Europaparlament gewählt wurde) de facto rechtlos in vollständiger Isolation leben musste - in Umständen, die Mitgefangene in den Selbstmord getrieben haben.
Auch Murat Kurnaz hatte einmal ein "normales" Leben. Er wollte in Deutschland mit seiner türkischen Verlobten eine Familie gründen. Er hatte eine Ausbildung zum Schiffbauer gemacht, spielte in seiner Freizeit Gitarre, interessierte sich wie viele andere in seinem Alter für Sport. Bis er im Herbst 2001 nach Pakistan reiste, offenbar um seinen Glauben und sein Wissen über den Islam in Koranschulen zu vertiefen. "Zur falschen Zeit am falschen Ort" sei Murat Kurnaz gewesen, sagen einige Insider in Washington wahlweise zynisch oder lakonisch. Sie wissen, dass Kurnaz unschuldig gefangen und inhaftiert wurde. Auch die USA, auch Deutschland fanden recht schnell heraus, dass die Anschuldigungen haltlos waren. Er kam trotzdem nicht frei.
Ich hatte mich innerlich darauf vorbereitet, einem gebrochenen Menschen zu begegnen. Doch die Notwendigkeit einer psychologischen Betreuung sieht er momentan nicht. Während meines Besuchs hatte ich vielmehr den Eindruck, dass er seinen Humor nicht verloren hat. Seine Augen sind wach, er ist neugierig auf das Leben und die Zukunft - als ob ihm bewusst ist, dass ihm die verlorenen Jahre zwar niemand wiedergeben, er aber doch einiges nachholen kann. Eine Beschäftigung zu finden, bei der er seine Sprachkenntnisse einsetzen könnte - er spricht neben Deutsch und Türkisch auch Englisch und Arabisch -, wäre vermutlich ein weiterer, wichtiger Schritt aus der Isolation. "Möge es vergangen sein"
"Gecmis olsun" sage ich auf Türkisch zu seiner Mutter, Rabiye Kurnaz. Wörtlich übersetzt bedeutet es, "möge es vergangen sein", es ist die türkische Wendung für "gute Besserung". "Gecmis olsun" für eine Mutter, die fünf lange Jahre für die Freilassung ihres Sohnes gekämpft hat - unterstützt von den Anwälten Bernhard Docke und Baher Azmy. Sie haben dafür gekämpft in einer Zeit, in der der 11. September 2001 unsere Wahrnehmung der Bedrohung von Demokratie, Freiheit und Sicherheit durch islamistischen Terrorismus radikal verändert hat. In einer Zeit, in der Rot-Grün während des Irak-Krieges auf harten Konfrontationskurs mit George W. Bush ging - aber zugleich offenbar nicht so genau hingeschaut hat, welche Methoden der US-Geheimdienst CIA und europäische Staaten im Anti-Terror-Kampf anwenden. Und falls sie doch hingeschaut haben, stellt sich die Frage, warum die Bundesregierung und andere europäische Staaten nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen haben.
Wer dachte, dass ein System mit Geheimgefängnissen nicht möglich sei, ein System mit weltweiten Entführungen von echten und vermeintlichen Qaida-Kämpfern, mit der Überstellung von Gefangenen in Folterstaaten und mit einer krassen Verletzung des Völkerrechts durch die Außerkraftsetzung der Genfer Konvention, unter tatkräftiger Unterstützung beziehungsweise Duldung zahlreicher europäischer Regierungen in der "zivilisierten" Welt - der sieht sich eines "Besseren" belehrt.
Mit gutem Grund befassen sich deshalb momentan Untersuchungsausschüsse im Europaparlament und Bundestag sowie der Sonderermittler des Europarats, Dick Marty, mit dem "Fall Kurnaz". Dabei stehen aus deutscher Sicht zwei Fragen im Vordergrund: Hätte Murat Kurnaz nicht schon früher aus Guantanamo rausgeholt werden können? Welche Folgen hat der "Fall Kurnaz" für das menschenrechtliche Erbe der rot-grünen Bundesregierung? Und welche Rolle hat die Türkei gespielt?
Bemerkenswert ist aber auch, dass bisher kaum jemand die Rolle der Türkei in Frage stellt. Schließlich ist Murat Kurnaz türkischer Staatsbürger und genießt damit den diplomatischen Schutz des Landes. Ein Besucher aus Ankara teilte ihm nach seiner Vernehmung in Guantanamo mit, dass die Türkei ihm unter US-Gewahrsam nicht helfen könne.
Wenige Tage nach seiner Freilassung und Rückkehr nach Bremen meldet sich dann sogleich das türkische Generalkonsulat in Hannover. Aber nicht etwa, um ihm und seiner Mutter ebenfalls ein "gecmis olsun" zu wünschen, sondern um ihn an seine staatsbürgerliche Pflicht des Wehrdienstes in der Türkei zu erinnern. Die Türkei möge selbst beantworten, ob staatsbürgerschaftliche Rechte und Pflichten hier nicht in einem seltsamen Missverhältnis zueinander stehen.
Der bürokratische Hürdenlauf allerdings würde für Kurnaz mit dem Gang zum Konsulat nicht enden. Auch in Bremen stehen noch wichtige Behördengänge an, um seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu sichern. Erst seit einem Urteil des Bremer Verwaltungsgerichts vom November 2005 besteht überhaupt Gewissheit, dass Kurnaz seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nicht verwirkt hat. Genau das hatte nämlich Bremens Innensenator Thomas Röwekamp (CDU) behauptet und die unfassbare Begründung nachgeschoben, Kurnaz habe die vom Gesetz vorgeschriebene Fristverlängerung nicht rechtzeitig beantragt - als ob es auf Guantanamo eine Außenstelle der Bremer Ausländerbehörde gäbe. "In den USA gibt es auch viele nette Leute"
Ich kann mir auch nach unserem persönlichen Zusammentreffen kein abschließendes Bild von Murat Kurnaz machen; auch nicht davon, was ihn im Oktober 2001 letztlich nach Pakistan getrieben hat. Aber einen Fanatiker oder gar Märtyrer, der mich als kulturellen Muslim oder auch meine jüdischen und christlichen Freunde bedroht, stelle ich mir ganz anders vor. Muss jemand, der mit 24 Jahren ruhig und besonnen spricht wie ein älterer Geistlicher und einen mächtigen Bart trägt, denn gleich ein Fundamentalist oder Schlimmeres sein?
Vielleicht ist er auf der Suche nach sich selbst auch einfach nur vom mystischen Gehalt des Islam fasziniert. Ich kenne andere, die in jungen Jahren Hermann Hesses "Siddharta" gelesen und die Wahrheit anschließend in Indien gesucht haben.
Erstaunlich ist, wie sowohl er als auch seine Mutter jeden Ansatz von Anti-Amerikanismus im Keim ersticken. Dabei hätten sie doch Grund dazu. Seine Mutter sagte kürzlich in einem Interview, natürlich sei sie "auch sauer, weil die so viele Unschuldige eingesperrt haben, die da für nichts büßen müssen. Aber ansonsten gibt es in den USA auch viele nette Leute. Ich kann nicht auf alle sauer sein". Niemand hat ihn gefragt, ob er denn öffentlich aussagen will
Sie hat nicht vergessen, dass sie von US-Bürgern in ihrem Kampf um die Freiheit ihres Sohnes unterstützt wurde. Die derzeitige US-Regierung hat viel zerstört, das Ansehen der USA und unser Vertrauen in die Wahl der Mittel im Kampf gegen den Terror. Ausgerechnet Rabiye Kurnaz erinnert uns daran, dass es auch ein anderes Amerika gibt: etwa das der US-Bundesrichterin Joyce Green, die Kurnaz' Inhaftierung als rechtswidrig verurteilte.
Wie geht es jetzt weiter mit Murat Kurnaz? Die Opposition im Deutschen Bundestag hat ihn eingeladen, damit sie ihn vor dem Untersuchungsausschuss als Geschütz gegen die alte und neue Bundesregierung in Stellung bringen kann. Eine Einladung zum Untersuchungsausschuss des Bundestags hat, wie die Einladung als Zeuge vor Gericht, verpflichtenden Charakter. Niemand aus dem Untersuchungsausschuss hat ihn oder seinen Anwalt gefragt, ob er denn kurz nach seiner Freilassung überhaupt in der Lage sei, vor quasi gerichtsähnlichen Bedingungen und den Augen der Öffentlichkeit auszusagen. Sein Anwalt tut sein Bestes, um ihn abzuschirmen, damit er und seine Familie Ruhe finden können. Es sollte Murat Kurnaz selbst überlassen sein, wann und mit wem er über seine Gefangenschaft reden möchte.
Bei der Verabschiedung von der Familie, die mittlerweile vollständig im Wohnzimmer versammelt ist, frage ich mich, wann Rabiye Kurnaz wohl zuletzt Urlaub gemacht hat. Ob die Wunden schon verheilt sind, als sie damals lesen musste, dass sie die Mutter des "Bremer Taliban" sei? Was hat sie alles auf sich nehmen müssen, sowohl seelisch als auch finanziell, um diese Zeit durchzustehen? Sie, die ihren Sohn nie aufgegeben und um ihn gekämpft hat, verdient unsere Anerkennung. Cem Özdemir ist Grünen-Abgeordneter im Europäischen Parlament und stellvertretender Vorsitzender des CIA-Sonderausschusses.
__________________ Kökünü begenmeyen dal ve dalini begenmeyen meyve daha olmadan cürür Necip Fazil Kisakürek |